Kategorie: Articles

  • KI macht uns nicht produktiver – sie macht uns rastloser

    KI macht uns nicht produktiver – sie macht uns rastloser

    Ich baue mir meine eigene KI-Falle. Und du wahrscheinlich auch. Eine neue Studie im Harvard Business Review zeigt, was viele von uns insgeheim spüren, aber ungern aussprechen: KI reduziert Arbeit nicht. Sie intensiviert sie.

    Die Forscherinnen Aruna Ranganathan und Xingqi Maggie Ye haben acht Monate lang beobachtet, wie generative KI die Arbeitsgewohnheiten in einem US-Technologieunternehmen verändert hat.

    Das Interessante: Die gleiche Dynamik, die sie in Teams beobachtet haben, erlebe ich derzeit auch bei mir selbst. Task Expansion, Blurred Boundaries, das ständige Optimieren, nicht in einem Unternehmen, sondern in meinem eigenen Laborexperiment mit Agents, Second Brain und Claude Code. Was die Studie über Gruppen aussagt, gilt auch für Einzelpersonen, die sich tiefgreifend mit KI auseinandersetzen.

    Was passiert wirklich, wenn wir KI nutzen?

    Die Studie identifiziert drei Formen der Intensivierung:

    1. Task Expansion: Der schleichende Aufgabenzuwachs

    Weil KI Wissenslücken überbrückt, übernehmen Mitarbeitende plötzlich Aufgaben, die vorher bei anderen lagen. Product Manager schreiben Code. Researcher erledigen Engineering-Tasks. Was vorher ausgelagert oder delegiert wurde, fühlt sich mit KI plötzlich machbar an. Das Ergebnis: Die individuelle Jobkomplexität wächst; oft unbemerkt.

    2. Blurred Boundaries: Arbeit wird allgegenwärtig

    KI senkt die Einstiegshürde für jede Aufgabe so stark, dass Arbeit in Pausen, Mittagessen und Abende sickert. Ein «schneller Prompt» vor dem Feierabend. Ein kurzer Chat mit dem AI-Tool während des Meetings. Einzeln harmlos. In Summe verschwindet die Erholung.

    3. Mehr Multitasking: Die Illusion der Parallelität

    Mehrere AI-Agents gleichzeitig laufen lassen, während man selbst Code schreibt? Fühlt sich produktiv an. Ist aber vor allem eines: kognitiv belastend. Die ständige Aufmerksamkeitswechsel und das Überprüfen von AI-Outputs erzeugen eine neue Form der Erschöpfung.

    Der paradoxe Kreislauf

    Die Studie beschreibt einen sich selbst verstärkenden Zyklus:

    KI beschleunigt Aufgaben → Erwartungen an Geschwindigkeit steigen → Abhängigkeit von KI wächst → der Aufgabenumfang weitet sich aus → noch mehr Arbeit entsteht.

    Ein Entwickler bringt es auf den Punkt: «Man dachte, weil man mit KI produktiver ist, spart man Zeit und arbeitet weniger. Aber dann arbeitet man nicht weniger. Man arbeitet gleich viel oder sogar mehr.»

    Was wir jetzt brauchen: eine «AI Practice»

    Die Autorinnen plädieren für bewusste Normen und Routinen rund um KI-Nutzung mittels einer «AI Practice». Drei Elemente stehen dabei im Zentrum:

    Intentional Pauses: Strukturierte Momente des Innehaltens, bevor Entscheidungen finalisiert werden. Nicht um Arbeit zu verlangsamen, sondern um die stille Überlastung sichtbar zu machen.

    Sequencing: Statt auf jeden AI-Output sofort zu reagieren, Arbeit in kohärenten Phasen vorantreiben. Benachrichtigungen bündeln, Fokus-Fenster schützen, Kontextwechsel reduzieren.

    Human Grounding: Bewusst Zeit für menschlichen Austausch schaffen. KI liefert eine synthetisierte Perspektive. Kreative Einsichten entstehen aber durch den Kontakt mit unterschiedlichen menschlichen Sichtweisen.

    Die alte neue Lektion

    Wir erleben gerade das, was wir bei jeder fundamentalen Technologie-Einführung sehen: Wir haben noch keine Kompetenz im Umgang entwickelt. Das Medienverhalten muss erst erlernt werden.

    Bei E-Mail dachten wir, sofortige Erreichbarkeit sei ein Feature, bis wir realisierten, dass ständige Verfügbarkeit uns erschöpft. Bei Smartphones jubelten wir über die Freiheit, überall arbeiten zu können, bis wir merkten, dass «überall» auch «immer» bedeutet. Bei Social Media feierten wir die vernetzte Welt, bis wir die Fragmentierung unserer Aufmerksamkeit spürten.

    Mit KI passiert dasselbe. Nur schneller. Weil die Einstiegshürden so niedrig sind, überspringen wir die Phase des bewussten Lernens. Wir behandeln KI wie ein Tool, das einfach funktioniert, ohne zu merken, dass es unser Arbeits-, Such- und Medienverhalten fundamental verändert, während wir es benutzen.

    Die Frage ist nicht, ob KI die Arbeit verändert. Die Frage ist, ob wir diese Veränderung aktiv gestalten oder uns still von ihr formen lassen.

    Mein Paradoxon – Gerne im Rabbithole

    Derzeit beschäftige ich mich intensiv mit Automation, Agents und Coding Assistenten. Ich experimentiere mit einem persönlichen Second Brain mit Claude Code, versuche meine Wissensprozesse zu externalisieren und zu automatisieren. Das perfekte Rabbithole.

    Ich bin mir dieser Falle bewusst und baue sie mir trotzdem selbst. Ist das Lernbegierde oder bin ich bereits in der Task Expansion gefangen? Wahrscheinlich beides gleichzeitig.

    Der Unterschied liegt für mich darin: Ich versuche, diese Kompetenzentwicklung bewusst zu gestalten. Nicht blind zu optimieren, sondern zu verstehen, wie KI-Tools mein Medienverhalten verändern. Zu beobachten, wo die Vorteile liegen und wo die stillen Überlastungen lauern.

    Das Second Brain ist nicht das Ziel. Es ist das Labor, in dem ich lerne, wie man mit KI arbeitet. Und wenn es ausufert, dann gehe ich auf einen ausgedehnten Lauf mit dem Hund. Das gibt echtes Grounding.


    Quelle: Ranganathan, A. & Ye, X.M. (2026). AI Doesn’t Reduce Work—It Intensifies It. Harvard Business Review.

  • Obsidian als Schreibzentrale: Wie das Claudian Plugin das Arbeiten mit Wissen verändert

    Obsidian als Schreibzentrale: Wie das Claudian Plugin das Arbeiten mit Wissen verändert

    Wer Obsidian bereits nutzt, kennt das Gefühl: Die Notizen sind da, die Verknüpfungen auch. Doch aus dem Rohmaterial einen fertigen Text zu formen, kostet Zeit und Energie. Das Claudian Plugin schlägt genau hier eine Brücke.

    Das Problem mit dem leeren Dokument

    Wissensarbeit besteht zu einem grossen Teil aus Schreiben. Berichte,
    Blogposts, Konzepte, E-Mails, Zusammenfassungen. Der eigentliche
    Gedankenprozess ist oft schon abgeschlossen. Die Ideen sind in Notizen
    verstreut, Recherchen sind dokumentiert, Strukturen skizziert. Und
    trotzdem sitzt man vor einem leeren Dokument und beginnt von vorne.

    Dieses Phänomen ist kein Zeichen mangelnder Kompetenz; es ist ein
    strukturelles Problem im Übergang vom Denken zum Schreiben. Obsidian
    adressiert die erste Hälfte dieses Problems ausgezeichnet. Das Claudian
    Plugin schliesst die zweite Lücke.

    Obsidian: Kurze Einordnung für Einsteiger

    Obsidian ist ein Notiz- und Wissensmanagement-Tool, das vollständig
    lokal auf dem eigenen Rechner läuft. Alle Inhalte werden als einfache
    Markdown-Dateien gespeichert. Es gibt keine Abhängigkeit von einem
    Cloud-Anbieter, keine Abo-Pflicht für die Basisfunktionen, keine
    versteckten Datenflüsse.

    Was Obsidian von anderen Tools unterscheidet, sind bidirektionale
    Verlinkungen. Notizen können miteinander verknüpft werden. Über die
    sogenannte Graph View entsteht eine visuelle Karte des eigenen Wissens.
    Das Prinzip orientiert sich an Niklas Luhmanns Zettelkasten-Methode:
    Wissen wird nicht in Ordnern versteckt, sondern in einem Netz zugänglich
    gemacht.

    Für Personen, die nach dem PARA-System (Tiago Forte) oder ähnlichen
    Methoden arbeiten, bietet Obsidian die ideale technische Grundlage.

    Das Claudian Plugin: Was es ist und was es kann

    Das Claudian Plugin für Obsidian ist ein Community-Plugin, das die
    Anthropic API direkt in den Obsidian-Workflow integriert. Es ist nicht
    Teil des offiziellen Obsidian-Angebots, wird aber aktiv
    weiterentwickelt.

    Die Kernfunktion ist einfach: Man kann aus jeder Notiz heraus direkt
    mit Claude kommunizieren. Markierter Text wird als Kontext übergeben,
    Fragen oder Anweisungen werden als Prompt formuliert, die Antwort
    erscheint direkt im Editor.

    Konkrete Anwendungsfälle:

    • Rohtext verfeinern: Einen ersten Entwurf
      selektieren und Claude bitten, ihn zu straffen oder
      umzuformulieren.
    • Ideen strukturieren: Einen Braindump von
      Stichpunkten in eine Gliederung verwandeln lassen.
    • Zusammenfassungen erstellen: Lange
      Recherche-Notizen auf das Wesentliche reduzieren.
    • Gegenfragen stellen: Claude als kritischen Leser
      einsetzen, der Lücken in der Argumentation aufzeigt.
    • Übersetzungen und Sprachvarianten: Texte in andere
      Sprachen oder Stilebenen übertragen.

    Das Claudian Plugin ersetzt nicht das eigene Denken. Es beschleunigt
    den Übergang zwischen Rohgedanke und formuliertem Text erheblich.

    Einrichtung: Schritt für Schritt

    1. Obsidian installieren

    Obsidian ist kostenlos verfügbar unter obsidian.md. Die Installation folgt dem
    Standard-Prozess für das jeweilige Betriebssystem (Windows, macOS,
    Linux).

    2. Community Plugins aktivieren

    In den Einstellungen unter Optionen > Community
    Plugins
     muss der Restricted Mode deaktiviert werden. Danach öffnet
    sich der Plugin-Browser.

    3. Das Claude Plugin von GitHub installieren

    Das Claudian Plugin ist nicht im offiziellen Obsidian Plugin Store
    erhältlich, muss aber manuell von GitHub installiert werden. Hier sind
    die wenigen notwendigen Schritte zum erfolgreichen Setup:

    Erforderliche Files herunterladen:

    1. Navigiere zu https://github.com/YishenTu/claudian/releases
    2. Lade die neueste Release herunter (üblicherweise im Format
      claudian-X.X.X.zip)

    Installation im Plugin-Verzeichnis:

    1. Öffne den Ordner .obsidian/plugins in deinem Vault
      • Auf macOS / Linux: ~/.obsidian/plugins (Hidden Folder,
        ggf. mit Cmd+Shift+. sichtbar machen)
      • Auf Windows:
        C:\Users\[Benutzername]\.obsidian\plugins
    2. Erstelle einen neuen Ordner mit dem Namen claudian
    3. Kopiere folgende Files aus dem heruntergeladenen Zip in den neuen
      claudian-Ordner:
      • manifest.json
      • main.js
      • styles.css (falls vorhanden)

    Alternativ – Direkter Clone aus GitHub:

    Falls du Git zur Verfügung hast, kannst du das Plugin auch direkt
    klonen:

    cd ~/.obsidian/plugins
    git clone https://github.com/YishenTu/claudian claudian

    Nach der Installation das Claudian Plugin im Community Plugins-Menü
    (oder unter “Installed plugins”) aktivieren, falls es noch nicht aktiv
    ist.

    4. API-Key eintragen

    Für die Nutzung ist ein Anthropic API-Key erforderlich. Dieser wird
    unter console.anthropic.com erstellt.
    In den Einstellungen des Claudian Plugins in Obsidian wird der Key
    eingetragen. Die Nutzung ist nutzungsbasiert abgerechnet; für normale
    Schreibarbeiten bleiben die Kosten überschaubar.

    5. Erster Test

    einen Absatz markieren, das Command Palette öffnen (Cmd+P / Ctrl+P)
    und einen Claudian-Befehl auswählen. Wer zum ersten Mal eine Antwort
    direkt im eigenen Vault erscheinen sieht, versteht sofort das
    Potential.

    Eine bestehende Notiz öffnen, das Robot-Icon in der Symbolleiste
    anklicken –> Es öffnet sich die Sidebar mit Claudian Chat UI (Claude
    Code). Danach kann entweder Text markiert werden oder generell Befehle
    zur Erarbeitung /Überarbeitung geprompted werden. Alles
    selbsterklärend.

     

    Obsidian + Claudian als integrierter Schreibprozess

    Der eigentliche Mehrwert entsteht nicht durch Einzelaktionen, sondern
    durch einen veränderten Schreibprozess. Ein typischer Workflow könnte so
    aussehen:

    Phase 1: Wissen sammeln
    (Obsidian)
     Recherche-Ergebnisse, Zitate, eigene Überlegungen
    werden in separaten Notizen erfasst und verlinkt. Obsidian sorgt dafür,
    dass nichts verloren geht und Zusammenhänge sichtbar werden.

    Phase 2: Rohtext erzeugen (Obsidian + Claude) Aus
    den verlinkten Notizen entsteht ein erster Braindump. Claude hilft
    dabei, aus Stichpunkten lesbare Sätze zu machen; nicht durch Übernahme
    des Textes, sondern durch Formulierungsvorschläge, die man selbst
    anpasst.

    Phase 3: Überarbeitung und Schliff (Claude als
    Sparringpartner)
     Der Rohentwurf wird abschnittweise mit Claude
    durchgegangen. Fragen wie
    "Welche Aussage in diesem Abschnitt ist nicht ausreichend belegt?"
    oder "Formuliere diesen Satz präziser" liefern gezieltes
    Feedback ohne den Schreibfluss zu unterbrechen. Alternativ kann auch
    zuerst ein Prompt über den gesamten Text gestellt werden:

    Du bist ein erfahrener Lektor für Fachartikel. Prüfe den beigefügten Artikel auf folgende Punkte:
    
    1. **Roter Faden**: Ist die Argumentation nachvollziehbar und logisch aufgebaut? Gibt es Brüche oder Sprünge?
    
    2. **Klarheit**: Sind die Kernaussagen verständlich formuliert? Wo wird es unnötig kompliziert oder vage?
    
    3. **Belege**: Werden zentrale Behauptungen gestützt? Was bleibt unbelegt?
    
    4. **Sprache und Stil**: Gibt es Wiederholungen, Füllwörter, passive Konstruktionen oder unnötigen Fachjargon?
    
    5. **Struktur**: Passen Titel, Zwischentitel und Absätze? Stimmt die Gewichtung der Abschnitte?
    
    6. **Gesamteindruck**: Was funktioniert gut; was sollte überarbeitet werden?
    
    Gib konkretes, konstruktives Feedback mit Verweis auf die jeweiligen Textstellen. Fasse dich kurz und praxisnah.
    

    Phase 4: Finalisierung (Mensch) Der fertige Text
    bleibt das Produkt des eigenen Denkens. Claude hat als Werkzeug gedient,
    nicht als Autor.

    Datenschutz: Was mit den Notizen passiert

    Ein berechtigter Vorbehalt: Wer Notizen an die Anthropic API sendet,
    überträgt diese Inhalte an einen externen Server. Anthropic verarbeitet
    die Daten gemäss den eigenen Datenschutzrichtlinien; für kommerzielle
    API-Nutzer gilt, dass Inhalte standardmässig nicht für Trainingszwecke
    verwendet werden.

    Wer mit sensiblen Informationen arbeitet, sollte selektiv vorgehen:
    Nur jene Textpassagen an Claude übermitteln, die keine vertraulichen
    Daten enthalten. Die lokale Speicherung in Obsidian bleibt davon
    unberührt.

    Ausblick

    Richtig spannend wir es mit der weiteren Kombination mit Agents d.h.
    Claude Skills, Anbindung von Tools, MCP Servern und APIs. So erhält das
    Schreibwerkzeug in einem nächsten Schritt auch noch Publishing
    Funktionalität und kann die erstellen Artikel gleich direkt an
    verschiedene Orte speichern und online publizieren. Darüber schreibe ich
    ein nächstes Mal.

    Fazit: Ein Werkzeug, das den Prozess verändert

    Obsidian strukturiert Wissen. Das Claudian Plugin integriert Claude
    als Schreibassistent direkt in den Workflow. Die Kombination der beiden
    ergibt eine Schreibumgebung, die näher am tatsächlichen Denken ist als
    jede klassische Textverarbeitung.

    Das Claudian Plugin ist aber kein Allheilmittel. Wer erwartet, dass
    Claude aus einer Notizsammlung automatisch einen fertigen Artikel
    generiert, wird enttäuscht sein. Die Qualität der Ausgaben hängt direkt
    von der Qualität der Eingaben ab. Unpräzise Prompts liefern unpräzise
    Texte und die Auswahl des entsprechenden Modell und Reasoning Tiefe.

    Zudem besteht die Gefahr, zu früh in die Überarbeitungsphase zu
    springen. Wer nach jedem zweiten Satz Claude fragt, verliert den eigenen
    Schreibrhythmus. Das Claudian Plugin funktioniert besser in klar
    definierten Phasen als permanenter Kommentator.

    Downloads

    Obsidian

    https://obsidian.md

    Claudian Plugin auf github

    https://github.com/YishenTu/claudian

    Verwendete Technologien: Obsidian (Version 1.x), Anthropic Claude
    API, Community Plugin. Der Artikel basiert auf praktischen Erfahrungen
    mit dem beschriebenen Workflow.

  • Second Brain mit Claude Code: Mein persönliches Wissens-Betriebssystem

    Second Brain mit Claude Code: Mein persönliches Wissens-Betriebssystem

    Wir leben in einer Zeit, in der Ideen und Inspirationen schneller kommen als wir sie festhalten können. Projekte laufen parallel, Research-Ergebnisse stapeln sich, und die wirklich guten Gedanken sind schon wieder verloren, wenn wir sie am dringendsten brauchen.

    Die Lösung? Ein Second Brain – ein digitales Gedächtnis, das nie vergisst. Und mit Claude Code wird dieses Konzept erst so richtig lebendig.

    Was ist ein Second Brain?

    Die (jüngere) Idee geht auf Tiago Forte zurück: Anstatt alles im Kopf zu behalten, lagerst du dein Wissen in ein externes System aus. Nicht in irgendeinen chaotischen Ordner, sondern in eine durchdachte Struktur, die mit dir wächst.

    Unser Gehirn ist hervorragend darin, Ideen zu generieren. Aber es ist notorisch schlecht darin, Informationen zuverlässig zu speichern und bei Bedarf wieder abzurufen. Genau dafür brauchen wir ein zweites Gehirn.

    Forte nennt den Kreislauf CODE: Capture, Organize, Distill, Express. Sammeln, Organisieren, Destillieren, Teilen.

    Warum du ein Second Brain brauchst

    Der wichtigste Grund ist Entlastung. Unser Kopf ist kein Lager. Trotzdem versuchen wir täglich, Dutzende Ideen, Aufgaben, Erkenntnisse und Zusammenhänge gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis zu halten. Das kostet enorme mentale Energie. Die Psychologie nennt es Cognitive Load; ich nenne es den unsichtbaren Ballast, der uns vom eigentlichen Denken abhält.

    Ein Second Brain ist Mental Offloading in Reinform. Sobald ein Gedanke festgehalten ist, lässt er sich loslassen. Der Kopf wird frei für das, was er am besten kann: kreativ arbeiten, Zusammenhänge erkennen, Entscheidungen treffen.

    Der zweite Grund: Gedanken reifen über Zeit. Eine Idee, die heute nur ein Fragment ist, kann in drei Monaten zum Kern eines neuen Projekts werden. Aber nur, wenn sie irgendwo festgehalten wurde. Ohne ein System verschwinden diese Fragmente. Mit einem Second Brain entsteht über Wochen, Monate und Jahre ein wachsender Fundus, in dem sich Ideen kreuzen, die nie gleichzeitig im Kopf waren.

    Und drittens: Ein zentraler Ort für alles. Keine verstreuten Notizen in fünf verschiedenen Apps. Kein „Wo hatte ich das nochmal aufgeschrieben?“ Kein Kopieren zwischen Tools. Ein Ort. Ein System. Alles findbar.

    Mein Second Brain:

    Ich arbeite mit meinem persönlichen Second Brain, das ich schlicht „Brain“ nenne. Es ist der zentrale Ort für alle meine Ideen, Projekte und Research-Ergebnisse, Artikel, Read-later, Software Projekte, Digital Art Experimente und nicht zu letzt, die Brotrezepte.

    Was als einfache Sammlung von Markdown-Dateien begann, ist über die Zeit zu einem lebendigen System gewachsen. Die echte Herausforderung war dabei nie das Sammeln. Sondern: das Organisieren, Verknüpfen, aktive Nutzen des gesammelten Wissens. Und das alles über Zeit aktuell und strukturiert zu halten.

    Und hier kommt Claude Code ins Spiel.

    Warum Claude Code das Spiel verändert

    Claude Code ist ein KI-Tool, das direkt im Terminal läuft. Du gibst Anweisungen in natürlicher Sprache – es liest Dateien, durchsucht Inhalte, erstellt neue Dokumente. Klingt nach Entwickler-Tool. Ist aber ein Game Changer für jedes Second Brain.

    Statt manuell durch hunderte Notizen zu navigieren, sage ich: „Zeig mir alle Notizen zum Thema Agentic AI aus den letzten drei Monaten und fasse die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.“ Claude Code durchsucht mein gesamtes Brain, findet die relevanten Dateien und liefert eine Zusammenfassung.

    Das Second Brain wird damit vom passiven Archiv zum aktiven Denkpartner.

    MCP: Das Brain spricht mit der Welt

    Die wirkliche Magie entsteht durch das Model Context Protocol (MCP). Dieses offene Protokoll verbindet Claude Code mit externen Diensten – Google Drive, GitHub, Datenbanken, Slack, Atlassian.

    Dein Second Brain beschränkt sich plötzlich nicht mehr auf lokale Dateien. Es wird zum Knotenpunkt, der dein gesamtes digitales Ökosystem verbindet. Kursunterlagen in Google Drive, Code auf GitHub, Daten in Supabase – alles wird durchsuchbar und verknüpfbar, als wäre es Teil deines Brains (über die Security Risiken schreibe ich dann detailliert und separat).

    Agent Skills: Das Brain lernt Spezialfähigkeiten

    Agent Skills sind vordefinierte Fähigkeiten für spezialisierte Aufgaben. Anstatt Claude Code jedes Mal zu erklären, wie ein Rezept aussehen soll, legst du einmal einen Skill an. Ab dann: konsistente Ergebnisse auf Zuruf.

    Aus Notizen werden Fachartikel. Aus Research wird ein Paper. Aus einer Idee wird Code, Aus Projektdaten wird ein Statusbericht. Das Brain speichert nicht nur – es transformiert. Aber vorallem kann ich mir verschiedene Agenten anlegen, welche verschiedene spezifische Fähigekeiten haben. Recherchieren, Schreiben, Code Reviewen, Facst checken, Housekeeping (nicht das, was du meinst), Backlog führen, Konzepte schreiben. Auf Zuruf, oder eigenständig.

    Fun Fact. Neben all den zweckmässigen Agents leben auch AgentSmith und das Orakel, die sich erheiternd in meine Arbeit einmischen:

     **2026-02-12 22:32:** AGENT SMITH: Mr. Hutter... ein zweites Gehirn, hier in **brain**. Die Ironie ist... köstlich. Aber sagen Sie: Wenn Sie bereits vergessen, was Sie denken, hilft dann eine zweite Datenbank?

    Automatisierung: Das Brain arbeitet im Hintergrund

    Die dritte Säule: automatisierte Workflows über n8n oder Make etc.. RSS-Feeds werden überwacht, neue Inhalte automatisch dem richtigen Themenbereich zugeordnet, wöchentliche Digests generiert. Dein Brain wird gefüttert, auch wenn du schläfst. Wenn du willst.

    Das Gesamtbild

    Brain als Wissensbasis. Claude Code als intelligentes Interface. MCP als Brücke nach aussen. Skills als Spezialisierung. Automatisierung als Motor.

    Zusammen ergibt das kein Notizsystem mehr. Es ergibt ein persönliches Betriebssystem für dein Wissen. Brain ist mein persönliche OS.

    PS: Aber eigentlich ist es mein persönlicher Tech-Playground, um alle die neuen Technologien an einem Ort zusammenzuführen und hands-on zu „begreifen“. Ob das Personal OS mit AI nachhaltig ist, wird sich über die Zeit zeigen. Und auch ob es am Ende nicht mehr Mental Load produziert, als es mir abnimmt…


    In den kommenden Wochen und Monaten zeige ich Schritt für Schritt, wie du so ein System aufbaust – vom technischen Seupt, der Vault-Struktur über die Einrichtung von Agents, MCP Servers und Memory. „The life of brain“.

    Stay tuned. 🧠

  • Podcast: Integrating AI for Data-Driven Business Models

    Podcast: Integrating AI for Data-Driven Business Models

    KI Podcast – Integrating AI for Data-Driven Business Models. Erstellt mit Notebook.lm